Die Liebe zum Backen ist Liebe zum Leben

Mose deutete die Träume des Königs von Ägypten und las daraus sieben fette und sieben magere Jahre. Jeder, der diese Geschichte kennt, kann sich mit einer inneren Distanz zurücklehnen und denken, dass es ja nur ein Gleichnis sei und es so schlimm schon nicht werden würde. Das Leben würde gnädiger sein. Was aber, wenn es doch so schlimm kommt?

Kommt man jemals aus einer solchen Situation wieder heraus?

Mein kleines Unternehmen, einst sehr erfolgreich, kriselte schon lange und steuerte direkt auf das Ende zu. Und ich? Ich stürzte kopfüber in eine schwere Depression, die ich mir erst einmal gar nicht eingestehen wollte. Ich konnte zwar den Schein irgendwie wahren, aber Halt hatte ich keinen mehr. Nach wochenlangem Schlafmangel war ich völlig am Ende, hatte aber noch die Einsicht, dass mir eine Therapie helfen würde. Jetzt wäre das Schlimmste überstanden, dachte ich. Aber es wurde schlimmer.

Trotz allem konnte ich noch eine feste Tagesstruktur mit dem täglichen Gang ins Büro aufrecht halten. Meine Anwesenheit dort reduzierte sich aber immer mehr, bis ich nur noch nach der Post sah und gleich wieder nach Hause ging. Dort zelebrierte ich eine Teezeit mit Buch und Keksen. Das tat mir gut, aber die Keks- und Schokoladenmengen, die ich da in mich hineinstopfte, belasteten die Haushaltskasse übermäßig.

Aus der Not eine Tugend machen!

Und so begann ich im Sommer 2012, Kekse zu backen. Das war billiger und auch ein kleines bisschen gesünder. Schnell wurde mir das Backen nach Rezept zu langweilig, sodass ich begann, meine eigenen Rezepte zu entwickeln. Das Backen entwickelte sich zu einer Therapie mit positiver Wirkung. Und zwar deshalb, weil ich etwas machte, was ich wirklich gerne tat. Ich mochte das Gefühl des feuchten, aber festen Teigs an meinen Händen, die daraus hingebungsvoll kleine Kügelchen formten. Das Knacken des Herds, der Duft in der Wohnung und die fertigen Kekse sorgten tatsächlich dafür, dass sich meine Stimmung hob – nur die Waage stöhnte.

Aber damit nicht genug. Jedes Rezept braucht einen Namen. Mit etwas so Schnödem wie „Mandel-Dinkelplätzchen“ wollte ich mich nicht zufriedengeben. Und so wurde daraus der „Große Mandini“. Wenn ich dann von meinen Kreationen sprach und sie ganz selbstverständlich mit „Großer Mandini“, „Marias Glück“ oder „Engelsflügel“ benannte, wusste keiner, was es damit nun wieder auf sich hatte. Also mussten Geschichten her. Geschichten, die von Mandini, Maria und Anuschka erzählten.

Wer jetzt, nachdem er bis hierher gelesen hat, meint, ich sei über den Berg gewesen, der irrt gewaltig. Ich habe noch viele Plätzchen backen müssen, bis ich sagen konnte, dass ich es geschafft habe. Und tatsächlich ist das Tal der Tränen heute nur noch eine dunkle Erinnerung.

Wie es weiterging, ist schnell erzählt: Meine Küche wurde zu meiner Kraftquelle, in der ebenso außergewöhnliche Marmeladen und Chutneys sowie Rezepte für ein vegetarisches Kochbuch entstehen. Weder dafür noch für mein Keksback-Geschichten-Buch habe ich bisher einen Verlag gefunden. Schön wär’s schon, aber auch wichtig? Nein!

Wichtig ist nur die Liebe zum Leben.

Frau Inga
Kommunikationswirtin, Ernährungsberaterin und ein Kopf voller kreativer Ideen, für die ein Leben zu wenig ist.