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Bürgerwerkstatt 5G und Gesundheit

Erfahrungsbereicht von der Bürgerwerkstatt "5G und Gesundheit" am 23. + 24.9.2022 in Bremen

Per Zufall wurde ich ausgelost, an einer Bürgerwerkstatt zum Thema „5G und Gesundheit“ teilzunehmen. Ganz einfach ist mir die Entscheidung nicht gefallen. Immerhin geht ein Arbeitstag dabei drauf. Ach egal, die Erfahrungen, die ich damit mache, ist es wert.

Um es gleich vorwegzunehmen, ich bin keine Gegnerin der Digitalisierung, die nicht ohne Funktechnologie umfassend umgesetzt werden kann. Dennoch habe ich mir immer eine kritische Haltung dem gegenüber bewahrt.

Keine Frage, es ist angenehm, in eine warme Wohnung zu kommen, ohne dass die Heizung dafür länger als nötig laufen muss. Das hilft beim Einsparen von Energie. Dennoch, ohne die Funk-Technologie wäre das nicht möglich. Längst wird durch die Nutzung mobiler Daten enorm viel CO2 emittiert. „Knapp 4 % der weltweiten C02-Emissionen gehen heute auf digitale Geräte zurück“ – Tendenz steigend (1a). In der Luft- und Raumfahrttechnologie sind es hingegen „nur“ 4,3 % (2).

Grafische Darstellung der Emissionen im Verkehr
Emissionen im Verkehr, Quelle: Europäische Umweltagentur, 2022 (2)

Des Weiteren steckt auch ein Sicherheitsrisiko darin: Systeme, die auf einer digitalen Technologie basieren, können durch gezielte Angriffe ausgeschaltet werden. Mögen Romane wie Blockout* von Marc Elsberg oder Das Netz* von Frederik T. Olsson manchen wie eine Dystopie erscheinen, so zeigt doch der erfolgreiche Angriff auf den Deutschen Bundestag (2015) (3), dass das schon längst Realität geworden ist.

Vor diesem Hintergrund erscheint es mir auch möglich, dass kritische Infrastruktur wie in den zuvor genannten Romanen angegriffen und „übernommen“ werden. Kritiker dieser Meinung mögen jetzt sagen, dass alles nur eine Frage der Absicherung ist, um derartige Angriffe abzuwehren. Diesem stimme ich vorbehaltlos zu. Keine Frage. Dennoch bin ich der Meinung, dass es für jedes Schloss einen Schlüssel gibt, – auch wenn er nachgemacht wurde.

5G und Gesundheit

Aber zurück zur Bürgerwerkstatt (4), an der ich nun teilnehmen darf und die sich mit 5G und Gesundheit auseinandersetzt. Meine Erwartungen sind hoch und die Hoffnung, dass die 5G-Technologie auch kritisch betrachtet wird, um so mehr.

Denn gehört habe ich bereits einiges darüber. Bäume müssen gefällt werden, damit die Wellen jeden Empfänger erreichen. Aber auch, dass Tiere, die sich am Erdmagnetismus orientieren, Schaden nehmen können.

Und dann sind da noch die Auswirkungen auf den Menschen. Wird die Krebsrate steigen und andere Tumorerkrankungen zunehmen? Was ist mit neurologischen Erkrankungen, wie z. B. Demenz, Alzheimer oder Schlaganfall?

Der Ablauf der Bürgerwerkstatt ist gut organisiert und durchgeplant. Am ersten Tag gibt es zwischen 9 Uhr und 18 Uhr vier 15 Minuten dauernde Vorträge mit anschließender Kleingruppenarbeit. Dort sollen zu bestimmten Fragestellungen Antworten erarbeitet werden. Aber auch Lob und Kritik an der Ausgestaltung des Vortrags sind erwünscht. Darüber hinaus wurden wir aufgefordert, uns Maßnahmen zu überlegen, wie 5G in der Bevölkerung vermittelt werden könnte.

Die Vorträge im einzelnen lauten:

  1. Was ist Mobilfunk? (M. Sc. Martin Rothe, Insitut für Physik, Berlin)
  2. Gesundheitliche Auswirkungen von 5G (Dr. Florian Kohn, Bfs (5))
  3. Exposition und Grenzwerte (Sören Brömme, BfS/KEMF (6))
  4. Wie funktionieren Wissensreproduktion und Risikobewertung? (Dr. Florian Kohn, BfS (5))

Leichte Kost sind alle vier Vortragsthemen nicht. Insbesondere nicht für die Teilnehmer*innen, die abgesehen vom Schulunterricht keine Berührungspunkte mit der Naturwissenschaft haben.

So geht es mir mit dem ersten Vortrag. Erinnerungen an den lange zurückliegenden Physikunterricht werden wach, – genauso dröge und theoretisch wie damals. Der einzige Unterschied dabei ist, dass dafür heute zusätzlich eine Powerpoint-Präsentation genutzt wird. Egal, ich habe mein Häkelzeug dabei. Zuhören genügt mir vollkommen.

Am zweiten Tag steht nur noch ein Vortrag auf dem Programm:

  • Die häufigsten Missverständnisse und wie man sie erkennt (Markus Kornek, Bfs (5))

Im Anschluss an diesen letzten Vortrag findet noch ein Open Space statt. Hier haben wir Gelegenheit, Themen in Kleingruppen noch einmal zu vertiefen und weitere Kommunikationsmaßnahmen zu erarbeiten.

Die Antworten werden in den Kleingruppen zum Teil heftig und kontrovers diskutiert. Daraus resultierend werden im Plenum auch kritische Rückfragen gestellt, insbesondere nach dem Vortrag der gesundheitlichen Auswirkungen. Diese Fragen werden ausweichend beantwortet oder auf folgende Vorträge verwiesen.

Ich kann nicht behaupten, dass meine Vorbehalte gegenüber negativen Auswirkungen von 5G auf die Gesundheit dadurch abgenommen haben.

Mein Eindruck von der Bürgerwerkstatt

Spontan denke ich, dass ich meine Zeit verschwendet habe. Alle Vorträge haben 5G in ein positives Licht gerückt. Wenn ich den Referenten glauben darf, hat 5G keine negativen Folgen. Weder für den Menschen und die Gesundheit noch für die Natur oder die Umwelt. Jedwede geäußerten Bedenken sind wissenschaftlich nicht evaluierbar und können als Unkenrufe abgetan werden.

Doch im Grunde wundert mich das nicht. Denn alle Referenten mit Ausnahme von Martin Rothe sind beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) tätig. Und dieses vertritt einstimmig die Meinung, dass weder oxidativer Stress noch die Qualität der Spermien beeinträchtigt und die DNA geschädigt oder Tumore verursacht werden. Zumindest aber wird eingeräumt, dass es Hinweise darauf gibt, dass bereits vorhandene Tumore durch Mobilfunk verstärkt werden können. (Entnommen aus einem taz-Streitgespräch zwischen Wilfried Kühling und Dr. Inge Paulini, 26.11.2019) (7)

Gerade deshalb werde ich das komische Gefühl nicht los, dass genau das Sinn und Zweck dieser Veranstaltung ist. Denn immer wenn kritische Nachfragen an die Referenten gestellt wurden, wie z. B. nach Folgeschäden für die Natur oder ob die Entstehung von Krebs durch Mobilfunk begünstigt wird, wird das abgewiegelt oder auf den nächsten Vortrag verwiesen.

Des Weiteren wird der Einfluss von 5G auf das Klima überhaupt nicht thematisiert. Für mich ein wirklich wichtiges Thema. Schließlich müssen für eine flächendeckende Einführung von 5G in Deutschland schätzungsweise 750.000 neue Sendemasten, sogenannte Kleinzellen, errichtet werden (8,9). Darüber hinaus werden etwas 20.000 Satelliten mit 5G-Antennen in den Weltraum geschossen. Die Kosten für den Ausbau in Deutschland werden 2019 auf 800 Milliarden geschätzt. (8)

Dazu kommen dann noch die Kosten für die Herstellung neuer Endgeräte. Dabei muss unbedingt bedacht werden, dass die dafür benötigten Rohstoffe überwiegend in Drittländern unter lebensgefährlichen Bedingungen und starken Umweltbelastungen abgebaut werden. Nicht zu vergessen die Menschrechtsverletzungen, die damit einhergehen. Von dem Elektroschrott, der im globalen Norden produziert wird und „der dann meistens wieder in den globalen Südern verschifft wird“ gar nicht zu reden. (1b)

Das Umweltbundesamt hat in seinem ePaper „Energie- und Ressourceneffizienz digitaler Infrastrukturen: Ergebnisse des Forschungsprojektes „Green Cloud-Computing“ (9) 2020 schon darauf hingewiesen, dass „die Umweltwirkungen von digitalen Infrastrukturen […] nicht vernachlässigbar […]“ sind. Die Nutzung müsse ressourcenschonend passieren, indem z. B. die Abwärme von Rechenzentren sinnvoll genutzt wird, um so fossile Brennstoffe zu sparen.

Gleichzeitig weist das UBA aber auch darauf hin, dass Glasfasernetze im häuslichen Bereich deutlich energieeffizienter sind als Mobilfunktechnologie. Und hier hinkt Deutschland weit hinter seinen europäischen Nachbarstaaten hinterher. Im Dezember 2021 sind es gerade mal 7,1%. Zum Vergleich: Spanien ist mit 78,95% absoluter Spitzenreiter. (10)

Balkengrafik mit dem Anteil von Glasfaseranschlüssen
Anteil von Glasfaseranschlüssen an allen stationären Breitbandanschlüssen in den Ländern der OECD im Dezember 2021, Quelle: OECD, © Statista 2022 (10)

Der Blick in die Glaskugel

Das Umweltbundesamt (UBA) kann nachweisen (9), dass 5G deutlich weniger Strom verbraucht als 4G. Das ist die gute Nachricht. Ich vermute aber, dass der Stromverbrauch trotzdem deutlich ansteigen wird. Denn durch 5G wird Datenaustausch deutlich schneller. Damit einhergehend werden das Internet der Dinge (11), autonomes Fahren, Smart-Nutzung, wie Agriculture, Medicine, City, Home, Office aber auch Streaming- und Cloud-Dienste mehr Bedeutung bekommen. Und das hat zur Folge, dass der Stromverbrauch deshalb deutlich ansteigen wird. Dieser Rebound-Effekt macht den positiven Nutzen wieder zunichte. (12)

Manch einer mag denken, dass sich der Mehrverbrauch an Strom durch den Einsatz von Ökostrom relativiert. Ein schöner Gedanke – wenn er denn den Tatsachen entsprechen würde. Denn weltweit beträgt der Anteil an erneuerbaren Energien im Jahr 2019 gerade mal 11,9%! (13) In der EU sind es 2020 immerhin 38% (14). Schön und gut, aber das genügt noch lange nicht.

Noch immer wird Kohle verstromt und zumindest bis zum April 2023 bleiben auch die deutschen Kernkraftwerke am Netz. Dann soll die Kernenergie endgültig Geschichte sein. In Deutschland. In unseren europäischen Nachbarländern sieht es da ganz anders aus. In Frankreich werden 2020 immerhin 51,8 % Atomstrom erzeugt. (15)

Auch wenn ich die Entwicklung in Deutschland hin zu nachhaltiger Energie absolut richtig finde, kann ich das nicht getrennt betrachten, weil alles mit allem zusammenhängt.

Denn jedes Grad Erderwärmung mehr wird sich auf Natur und Umwelt auswirken. Und zwar negativ. Global. Die vergangenen Sommer haben deutlich gemacht, was das bedeutet: überhitzte Wohnungen und Häuser, ausgetrocknete Böden und Flüsse, Ansteigen des Meeresspiegels, Gletscherschmelze.

Als Menschen sind wir nicht losgelöst davon. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass viele Menschen aufgrund der steigenden Temperaturen unter Herz-Kreislauf-Problemen leiden. Ich finde das schlimm genug. Es muss ja nicht gleich Krebs sein.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der indirekte Einfluss, den der Ausbau der Mobilfunknetze mit allen sich dadurch ergebenden Möglichkeiten einen Einfluss auf die Gesundheit hat. Bundesumweltministerin Svenja Schulze spricht hier sogar von einem Brandbeschleuniger. (16)

Des Weiteren bin ich davon überzeugt, dass die unerschöpflichen Möglichkeiten, die durch schnellere Datenübertragung entstehen werden, einen starken Einfluss darauf haben werden, wie wir miteinander umgehen. Schon lange sehe ich enorm viele Menschen, die auf der Straße den Blick vom Smartphone nicht lösen können. Ich glaube, dass ich dieses Verhalten zukünftig bei noch viel mehr Menschen beobachten werde. Der Nebenmensch zumindest wird gar nicht mehr wahrgenommen.

Das wiederum wird auf Dauer zu Aufmerksamkeitsstörungen und Vereinsamung führen. Die Folge davon sind Angststörungen und Depression. Denn darüber sind wohl alle einig, echte Freundschaft beinhaltet mehr als der Austausch von Textnachrichten in einem der „sozialen“ Netzwerke.

Ob aber die flächendeckende Einführung von 5G einen direkten negativen Einfluss auf die Gesundheit haben wird, vermag ich dennoch nicht zu sagen. Alle wissenschaftlichen Aussagen verneinen dies. Allerdings gibt es nur wenige Langzeitstudien, die das erforschen. Und die sind noch nicht abgeschlossen. Den indirekten Einfluss aber erlebe ich bereits jetzt.

Mein Fazit über die Bürgerwerkstatt

Vier Wochen nachdem ich an der Bürgerwerkstatt teilgenommen habe, habe ich immer noch das Gefühl, vor einen Karren gespannt worden zu sein, der nicht meiner ist. Vielleicht sind meine grundsätzlichen Bedenken gegenüber der Funktechnologie ein wenig kleiner geworden. Im Ergebnis aber stehe ich dem nach wie vor kritisch gegenüber.

Zugegeben, die Vielfalt an Möglichkeiten, die ein schnelleres Internet mit sich bringt, faszinieren mich sehr. So sehr, dass ich wünschte, ein paar Jahre später geboren worden zu sein, um in diesem Bereich mitzumischen. Trotzdem sehe ich auch die gewaltige Schattenseite: der Stromverbrauch und die damit verbundenen Co2-Emissionen. Und das wiederum wird auf Dauer auch einen Einfluss auf meine Gesundheit haben.

Deshalb ist und bleibt es mein massivster Kritikpunkt an der Bürgerwerkstatt, dass dieser Aspekt schlicht und ergreifend unter den Tisch gefallen ist. Zu einer umfassenden Meinungsbildung gehört jeder Aspekt und die Darstellung durch unabhängige Wissenschaftler, die eine andere Meinung als das BfS vertreten.

Zum Schluss möchte ich nicht vergessen zu erwähnen, dass für die Teilnahme an der Bürgerwerkstatt eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 60 Euro gezahlt werden soll. Wie eine der Veranstalterinnen zum Schluss sagte, wolle man damit Wertschätzung für die aufgewendete Zeit zum Ausdruck bringen.

Auch unter Wertschätzung verstehe ich etwas anderes. 60 Euro sind kaum mehr als ein Taschengeld für 16 Stunden Lebenszeit. Gezahlt wurde das Geld bis heute nicht.

Achtet auf eure Gesundheit und lasst einfach mal das Handy in der Tasche, um einem Mitmenschen anzulächeln oder ein paar Worte zu wechseln.

Herzlichst,
Frau Inga

Podcast-Tipp ♫

Quellen

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