Auf dem Baumwipfelpfad in Bad Harzburg

Zwischen Baumkronen in 26 Metern Höhe auf dem Baumwipfelpfad in Bad Harzburg

My home is my castle. Und tatsächlich fühle ich mich zu Hause sehr wohl. Da fehlt mir nichts: Wolle nebst Häkelnadel, Schraubenzieher und Küche sind in greifbarer Nähe. Denn ein Tag, an dem ich nicht einmal Töpfe und Pfannen genutzt habe, ist nur selten ein vollkommener Tag. Dennoch, ein Tapetenwechsel hin und wieder, tut not. Und deshalb habe ich mich auf den Weg zum Baumwipfelpfad in Bad Harzburg gemacht.

Reisen bildet ja, wie man so sagt.

Vor einiger Zeit las ich etwas über Baumwipfelpfade. Kurz darauf wurde in der Aprilausgabe der Zeitschrift natur und heilen über die Heilkraft des Waldes geschrieben. Der von Erich Fromm sogenannte Biophilia-Effekt soll sich äußerst positiv auf das menschliche Immunsystem auswirken, war dort zu lesen. Des Weiteren wurde auf Studien verwiesen, nach denen „die Waldatmosphäre den Parasympathikus aktiviert […]. Seine Aktivität dient der Regeneration, der Entspannung und dem Wiederaufbau körperlicher und geistiger Ressourcen.“ Durch einen Aufenthalt im Wald werden Schlafstörungen minimiert, das Stresshormon Kortisol gesenkt und der Blutdruck normalisiert sich.

Wunderbar fand ich das Forschungsergebnis des japanischen Wissenschaftlers Yoshinori Ohtsuka, der feststellte, dass allein der Aufenthalt im Wald den Blutzuckerspiegel senkt. Seiner Meinung nach liegt das an den „gasförmigen sekundären Pflanzenstoffen“, die mit der Atemluft aufgenommen werden. Wow, dachte ich, es ist ja so einfach, etwas wirklich Gesundes für Körper und Geist zu tun.

Auf zum Baumwipfelpfad in Bad Harzburg!

Da ich außerdem neugierig auf einen Baumwipfelpfad war, waren das gleich zwei Gründe, der Biophilia nachzugehen. Auf der Internetseite fand ich für Deutschland gleich 16 Baumkronenpfade. In Bad Harzburg gibt es derzeit den einzigen Pfad, der sich in Niedersachsen befindet. Somit ist dies der Nächste für mich. Also habe ich mich Anfang Juli zu einer Gesundheits- und Entdeckertour aufgemacht.

BucheckernDank der Sommerferien konnte ich das Niedersachsenticket schon für den Zug um 8:17 Uhr benutzen. Mit einem Umstieg in Hannover fuhr der Zug pünktlich (ja, das kann auch passieren …) um 11:06 Uhr im Bahnhof von Bad Harzburg ein. Von der Website wusste ich, dass der Baumwipfelpfad in Bad Harzburg fußläufig erreichbar und in der Nähe des Kurparks ist. Also schlenderte ich gemächlich durch die schattige Fußgängerzone des Kurortes. Immer begleitet vom Plätschern der Radau, die durch den Ort fließt.

Im BurgBergCenter am Ende der Fußgängerzone erstand ich ein Ticket, das zu meiner großen Freude, sogar noch reduziert war. Und dann begann der Aufstieg. Die 200 Meter bis zum Beginn des Pfades schaffte ich leicht – dank der Tasse Earl Grey, die ich in einem Café mit einer bemerkenswert gut sortierten Teekarte bekommen hatte. Nach dem Drehkreuz wollte zuerst der Einstiegsturm mit seinen fünf Etagen bewältigt werden. Der in die Höhe führende spiralförmige Rundgang begann mit dem Urknall und geleitete den Besucher durch alle Zeitalter bis hin zur Neuzeit. Wer dann noch wollte, konnte die Spitze des Turms erklimmen, um eine grandiose Aussicht zu genießen.

Zwischen Baumkronen in 26 Metern Höhe.

Und dann spazierte ich auf dem siebenhundert Meter langen Weg zwischen Baumkronen, die noch viel höher waren! Ab und zu wagte ich einen Blick in die Tiefe, und … ich gestehe, ich habe Höhenangst. Die aber gleich wieder verflog, sobald ich mich an der nahen Natur mit einem überwältigenden Fernblick erfreute.

Wer meint, dass damit die Lehrveranstaltung, die den Aufstieg begleitete, zu Ende sei, irrt gewaltig. Auf dem Pfad trifft man alle zehn bis zwanzig Meter auf weitere interaktive und hübsch bebilderte Säulen. Diese Stationen sind überaus lehrreich, ohne an öde Schulstunden zu erinnern. Allerlei Spielereien sind darin zu entdecken, die auch große Kinder verzückten.

An einer Station erzählte die Kiepenfrau Wally von ihrem harten Leben. Zugegeben, mir fehlt oft die Geduld, stehen zu bleiben und zuzuhören, wenn eine Tonaufzeichnung länger als eine Minute ist, dieser Bericht aber hielt mich fest. Beim Zuhören konnte ich in den tiefen Wald schauen und mir dabei vorstellen, wie Wally zwischen Baumstämmen entlang läuft. Auf dem Rücken trägt sie eine 45 Kilo schwere Kiepe und mit den Händen strickt sie einen Schal. Wirklich, Frauen wie Wally nötigen mir absoluten Respekt ab!

Die Kiepenfrau Wally erzählt von ihrem beschwerlichen Leben

Was zu erwarten war, kam dann viel schneller als erhofft, nämlich der Ausgang. Da es gerade da heftig regnete, hatte ich ausreichend Zeit, mir zu überlegen, ob ich mich oben oder unten auf den Rückweg machen wollte. Ich entschied mich schließlich, durch den Wald zurückzugehen. Eine Entscheidung, die ich keineswegs bereut habe. Auch dort erwartete den Besucher viel Interessantes über den Wald. Darauf hätte ich nur ungern verzichtet.

Eingehüllt von den „gasförmigen sekundären Pflanzenstoffen“ kehrte ich nach Bad Harzburg zurück und nahm erneut eine Tasse Earl Grey-Tee. Frisch gestärkt und aufgetankt mit guter Waldluft ging ich beschwingt zum Bahnhof, um die Heimreise anzutreten.

Eure
Frau Inga

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