Abenteuer Langeoog: Frau Inga als Kassiererin

auf der anderen Seite des Laufbands

„Zwölf dreiundsiebzig, bitte“
„Hier sind schon mal drei Cent.“
„Guter Anfang!“
„… und siebzig …
zwei Euro habe ich auch …
… und hier sind zehn Euro“
„Danke, passt genau und ist nix bei über.“
Die Kunde schmunzelt.
„Einen schönen Tag noch und beehren Sie uns bald wieder“
„Ja, danke. Für Sie auch.“
Während der Kunde das sagt, flitzen schon die Einkäufe des folgenden Kunden am Scanner vorbei.
Und so geht es Stunde um Stunde. Immer wieder ein Blick zum Ende der Warteschlange. Gleich habe ich es geschafft, dann kann ich einen Schluck trinken. Der Mund ist trocken, ich räuspere mich, lächel und der Dialog beginnt von vorne:
„Vierunddreißig achtundsiebzig, bitte.“
Ein Fünfziger wird rüber gereicht.
„Fünfzig Euro, danke.“ Und gleichzeitig die Eingabetaste drücken. Die Kassenlade springt auf.
„Zehn, fünfzehn, zwanzig, zweiundzwanzig. Den Bon dazu? Einen schönen Tag noch.“

Die anonyme Kassiererin

Karotten werden schnell am Scanner vorbeigezogen

Früher habe ich immer gesagt, dass es mein Horrorjob sei, bei einem Discounter an der Kasse zu sitzen. Und keine vier Wochen ist es her, dass ich mich trotzdem dafür entschieden habe. Und so wurde aus Frau Inga die anonyme Kassiererin in einem Supermarkt auf Langeoog.

Mit der linken Hand die Ware greifen, an einem Spiegelsystem vorbeiziehen, damit die Preise von einem Scanner erfasst werden, mit rechts an ein Rollband weitergeben und kassieren. Das war’s. Einfach, schnell, der Nächste bitte. Denkste! Die Einkäufe bestanden schließlich nicht nur aus abgepackten Lebensmitteln. Da gab es auch noch Backwaren, Obst und Gemüse, die der Kunde handverlesen in Plastiktüten einpacken konnte.

Die PLU für Zucchini wird eingetipptNoch ist es nicht so weit, dass Tomaten einem Scancode auf der roten Schale gezüchtet werden. Dafür braucht es eine Kassiererin, die alle PLUs im Kopf hat und in Windeseile über die Tastatur erfasst. Als Neuling ist das gar nicht so einfach; Zahlendreher und Irrtümer sind vorprogrammiert. Von Tag zu Tag aber wusste ich mehr von diesen sogenannten Price Look Up Codes (auf Deutsch: Preisnachschlagecode) auswendig. Da wurde zwischen Bananen und Biobananen unterschieden, aber für Äpfel, gleich welche Sorte, gab es nur einen einzigen. Verstehe das, wer will.

War dann der Einkauf komplett erfasst und die Summe genannt, zog der Kunde einem Revolverhelden gleich noch schnell aus der Hüfte die Deutschlandcard oder einen Leergutbon hervor – Überraschung! Also erfassen, Preis erneut nennen. Und jedes Mal die stumme Bitte, dass der geschätzte Kunde bei seinem nächsten Einkauf an die Spucke der Kassiererin denken und einfach beides zu den Einkäufen aufs Laufband legen möge.

War der Laden voll, musste es rasend schnell gehen

Die Kunden, die an der Kasse standen, waren unzählig. Richtig schnell musste es gehen. Und trotz einer zweiten Kasse wurden es immer mehr Kunden, die bezahlen wollten. In solchen Momenten gab es keine Gesichter mehr, nur noch Waren, PLUs, Geld und Wechselgeld.

Die Ware wird bezahltUnd die Frage aus dem Hinterhalt: „Wo ist den hier der Flaschenautomat?“ Gemeint war natürlich der Automat, der jedes Füttern mit Glas oder PET mit einem Bon belohnte. Nachdem ich das zig-mal am Tag hörte, wollte ich den Kunden am liebsten zurufen:
„Bitte dort entlang und jeder nur einen Bon!“ (Denn die meisten Kunden kamen mit zwei oder drei Bons an die Kasse.)
Statt dessen ein Fingerzeig in die Richtung, wo der automatische Kollege zu finden war.
„Ach ja, jetzt sehe ich es auch.“ Ein innerliches Aufstöhnen. Dann kam der nächste Kunde.

Eine Sternstunde für die Ernährungsberaterin

Müsli wird an den Kunden gegebenDa waren aber auch die netten Kunden, die Zeit und Geduld hatten und denen ich immer wieder ein Lächeln entlocken konnte, wenn sie sich über eine neue auswendig gewusste PLU freute. Oder solche, mit denen man kleine Späßchen machen konnte. Neulich, als die Kasse leer war, kam ein Stammkunde und sagte mit einem überzeugtem Ton:
„Gestern habe ich etwas ganz Schreckliches im Fernsehen gesehen.“
„Ah ja, was denn?“ Hier erwartete ich natürlich den Bericht über einen Amoklauf. Doch es kam anders.
„Es gibt jetzt einen neuen Zucker, der krankmacht. Ich weiß nicht mehr, wie der heißt, aber am Ende hat der ‚tose‘.“
„Ach, Sie meinen Glucose-Fructose.“
„Ja, genau, so heißt der.“
„Der kann zu einer Fettleber führen und Diabetes begünstigen.“
„?“
„Ich bin Ernährungsberaterin.“
„Ach, dann wissen Sie das alles.“
„Könnte man so sagen.“
„Finden Sie das nicht schrecklich?“
„Sicher. Der Glucose-Fruktose-Sirup ist billig. Gut für die Lebensmittelindustrie.“
„Das ist doch unverantwortlich.“
„Sehe ich auch so, aber wollen Sie deshalb auf die Hälfte Ihres Einkaufs verzichten?“
„Jetzt weiß ich gar nicht mehr, was ich essen soll.“

Das Gespräch wurde an einem anderen Tag fortgesetzt und schnell stellt sich heraus, dass dieser Kunde ebenfalls einen kritischen Blick auf industriell hergestellt Lebensmittel hatte, aber aus Unwissenheit vieles kaufte.

Die Welt von der anderen Seite des Laufbands aus gesehen

Nachdem ich für ein paar Wochen auf der anderen Seite des Laufbands gesessen habe, sehe ich vieles mit anderen Augen. Für die nächsten Wochen werde ich den Kollegen im heimischen Supermarkt sicherlich verständnisvoller begegnen. Die Kollegin an der Kasse ist so vielen Reizen ausgesetzt und muss ihre Augen und Ohren jederzeit überall haben. Da ist es schon eine große Herausforderung immer und zu jedem Kunden freundlich zu sein. Denn auch die Kollegin hat mal schlecht geschlafen, Kopfschmerzen und einen trockenen Mund – und die Dienstanweisung, nichts in Gegenwart eines Kunden zu trinken.
Und ist mal nichts an der Kasse zu tun, heißt es aufspringen, Einkaufskörbe wegräumen, das Band sauber machen, liegen gelassene Kassenbons zusammenraffen und wegschmeißen. Nicht zu vergessen, der Vorkassenbereich, in dem die Quengelware ist und nicht mehr gewollte Artikel liegen bleiben. Hier muss aufgefüllt und Ordnung gemacht werden.

Die Erfahrungen, die Frau Inga in einem Supermarkt auf Langeoog gemacht hat, waren lehrreich und bleiben gewiss noch lange in Erinnerung. Ein Bedarf der Wiederholung besteht vorerst nicht. Und gerade deshalb möchte ich für die Kassierer*innen eine Lanze brechen. Denn jeder kann dazu beitragen, dass der Einkauf für beide Seiten stressfrei vonstatten geht, in dem ein Warenstrennstab benutzt wird, Flaschen hingelegt sowie Kundenkarte und Pfandbons zu den Einkäufen gelegt werden. Vor allem aber: Bitte seid höflich zu dem Menschen an der Kasse.

Viele fröhliche Einkäufe wünscht euch
Eure
Frau Inga

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