Erinnerung an meinen Kater – Eine Chatage*

Portrait einer schwarz-weißen Katze
Immer mal wieder sind die häusliche Pelztiere Gesprächsgegenstand. Geht es dabei um Katzen, erinnere ich mich nur zu gerne an meinen geliebten Kater. Sein Todestag jährt sich gerade zum zehnten Mal.

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als mein Nachbar von einem Kater erzählte, der eindeutig Kontakt zu Menschen suchte. Ach, ja, eine Katze würde schon gut zu mir passen. Aber nein, die Verantwortung wollte ich nicht auf mich laden. Man könnte sich ja mal kennenlernen, schlug mein Nachbar vor. Gesagt, getan.

An einem Freitagnachmittag im Juni 1996 gingen also mein Nachbar und ich zum Vorstellungsgespräch. Kaum dass ich Platz genommen hatte, sprang mir Trixie auch schon auf den Schoß und machte es sich bequem. Dort schnurrte er in den schönsten Tönen. Keine Frage, dass er mich damit im Pfotenstreich eroberte.

Dennoch, ich scheute vor der Verantwortung zurück, weil ich zur damaligen Zeit enorm viel arbeitete. Man könne es ja mal mit einem Wochenende Probewohnen versuchen, probierte es die vorherigen Dosenöffnerin. Ein Versuch war es wert und so zog der Dicke, wie er fortan heißen sollte, bei mir ein.

Da der Dicke es gewohnt war, nachts draußen zu sein, wurde die erste Nacht zu einer Katastrophe – für mich. Kaum dass ich eingeschlafen war, saß er vor meinem Bett und schnuffte einmal kurz. Halbschlafen schickte ich ihn mit einer Handbewegung zu seinem Platz zurück und schlief weiter. Eine Stunde später wurde ich erneut von einem Schnuffen geweckt. Dies wiederholte sich drei oder vier Mal. Und dann war Schluss mit lustig.

Der Dicke hatte wohl eine imaginäre Maus entdeckt und die Jagd eröffnet. Sollte er, aber bitte nicht unter meinem Bett. Und schon gar nicht morgens um vier! Egal, was ich unternahm, Ruhe wollte er partout nicht geben. Das letzte, das mir dann noch einfiel, war der Platz am Fußende meines Bettes. Ausnahmsweise. Nur diese eine Nacht … Im Laufe des folgenden Jahres hatte er sich bis zu meiner Schulter hochgearbeitet.

Meine Karriere als Dosenöffnerin

Wenngleich die erste Nacht nicht unbeschwert war, war mein Schicksal als Dosenöffnerin nach diesem ersten Wochenende besiegelt. Der Dicke richtete sich ein, aber ich bestimmte die Regeln. Dazu gehörte, dass nicht an Tapeten und Möbeln gekratzt werden durfte und der Tisch für Menschenfutter reserviert war. Außerdem musste er während der Brutzeit von Mai bis Oktober nachts drinnen bleiben.

Drinnen gab es anstatt eines Kratzbaums eine Kratzpappe, die er nach Herzenslust zerfetzte. Damit hatten sowohl Tapeten und als auch Möbel ihre Ruhe. Die Sache mit dem Tisch war schon schwieriger, funktionierte aber. Meinte ich zumindest.

Denn eines Nachts lag der Dicke nicht wie gewohnt auf meinem Bett. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich an meinen pelzigen Schnarcher schon längst gewöhnt. Und weil er auf meine Rufe nicht reagierte, suchte ich und fand ihn auf meinem Küchentisch. Dort lag mein dicker Kater mitten auf einer dunkelblauen Tischdecke und schlief. Geweckt von einem lauten „Kater!“ hob er kurz den Kopf, blinzelte mich an und wollte weiterschlafen. Nichts da! Geschlafen wird im Bett. Basta!

Die Tischdecke sah am nächsten Tag verheerend aus, denn das weiße Bauchfell hatte eine deutliche Spur hinterlassen. Die Küchentür aber blieb fortan nachts geschlossen.

Die Küche, ein Ort für Verbotenes

An einem Wochenende backte ich einen Käsekuchen, den ich zum Abkühlen auf den Herd stellte. Nach der nächtlichen Eskapade war ich mir meiner Sache sicher, dass der Dicke die Regel gelernt hatte. Irrtümer sind doch etwas Wunderbares, oder?

Ich bemerkte nämlich nach einiger Zeit, dass es verdächtig still im Haus war. Nach einem Blick in die Küche kannte ich den Grund. Mein Kater saß auf dem Herd und hatte bereits ein faustgroßes Loch in den Kuchen gefressen …

Von diesem Tag an gab es Küche nur noch in Kombination mit Mensch.

schwarz-weiße Katze im Garten

Das Wohlfühlparadies bei Frau Inga

Aber Mensch war ja auch noch an anderen Plätzen immer und zu jeder Zeit verfügbar. Das war in seinem vorherigen Heim ganz anders gewesen. Dort musste er seine Tage und Nächte außerhalb der Wohnung verbringen. Ins Haus durfte er nur zu den Mahlzeiten und für ein paar Streicheleinheiten.

Bei mir war das ganz anders. Ich hatte damals ein Homeoffice. Somit konnte mein Pelztier immer und zu jeder Zeit auf meinen Schoß springen und Streicheleinheiten einfordern. Dafür legte er den Kopf auf meinem rechten Arm. Die Arbeit ruhte dann für eine Zeit, sodass Mouse und Tastatur Zwangspause machen mussten.

Hatte er genug davon, schob er meine Hand mit der Pfote beiseite. Wehe mir, wenn ich das ignorierte. Als erste Warnung bekam ich einen leichten Hieb mit den Krallen. Hatte ich es dann immer noch nicht kapiert, biss er mich in die Hand und sprang auf den Boden. Mit aufgestelltem Schwanz und ohne mich eines Blickes zu würdigen ging er dann seiner Wege. Zu einem späteren Zeitpunkt aber holte er sich erneut eine Schmuseeinheit ab. Nachtragend war er nicht.

Kätzisch und andere Sprachen

Ein paar Jahre später begann ich, indonesisch zu lernen. Und da das nun einmal eine Sprache ist, muss ich die auch trainiert werden. Ergo sprach ich fortan nur noch indonesisch mit meinem Dicken. Ich bin mir sicher, dass er alles verstanden hat. Fragte ich ihn beispielsweise „Harus lapar?“ Dann maunzte er. Klar hatte er Hunger. Der Napf war ja auch leer.

Als ich dann irgendwann meine Französisch-Kenntnisse aufpolieren musste und diese zur täglichen Umgangssprache wurde, schaute mein Kater mehr als irritiert aus seinem Fell. Die Phonetik war so ganz anders als das, was er bisher von mir gehört hatte.

Aber auch auf einzelne Befehle reagierte mein schlauer Stubentiger. Sagte ich „Platz!“, dann setze er sich hin. Dabei stellte er die Vorderpfoten nebeneinander. Denn er wusste genau, dass ich ein Leckerli in der Hand hatte. Das bekam er aber nur, wenn er abwartete. Erst wenn es ihm zu lange dauerte, berührte er meine Hand mit einer Pfote. Diese stellte er gleich wieder hin und wartete erneut. So viel Geduld habe ich gerne und reichlich belohnt.

Sweetybeety und die anderen

Selbstredend hatte er auch seinen Menschen gut trainiert. Denn alles, was ein bisschen unangenehm war, überließ er mir. Und damit meine ich nicht die Reinigung des Katzenklos.

In der Nachbarschaft lebten auch andere Katzen. Und die fanden es natürlich äußerst spannend, nachzuschauen, was der Dicke in seinem Fressnapf hatte. Er ließ sie gewähren. Dabei war er nicht unbedingt gelassen. Doch das war allemal besser, als sich zu prügeln.

Da der Fressnapf auf dem Absatz der Kellertreppe stand, bekam ich nicht unbedingt sofort mit, dass wir mal wieder einen Mitbewohner hatten. Oft fiel mir das erst nach ein oder zwei Tagen auf, weil mein Kater mit gesträubtem Schwanz zum Fressnapf schlich.

Das war das Signal für mich, die dunklen Winkel im Keller zu inspizieren. Und tatsächlich hatte sich dort eine Katze verschanzt, die genauso ängstlich war, wie mein Kater und ich. Denn so ganz geheuer war mir die bevorstehende Auseinandersetzung mit einer in Not geratenen Katze nicht.

Das Öffnen der Ausgangstüren alleine nütze nichts. Also machte ich mit zwei Holzlatten Krach. Das funktionierte insoweit, als dass die fremde Katze die Treppe nach oben und vorbei an der geöffneten Haustür lief. Um dann eine weitere Treppe hinaufzulaufen und sich unter meinem Bett zu verkriechen.

Ich lief der Katze hinterher. Mein Kater folgte mir sogleich. Nachdem ich die fremde Katze unter meinem Bett verscheucht hatte, lief sie erneut in den Keller zurück. Wieder an der geöffneten Haustür vorbei. Dieser Prozessionszug vollzog sich weitere zwei Mal, bevor der ungebetene Gast endlich die geöffnete Tür wahrnahm und unser Haus verließ.

Etwas Ähnliches wiederholte sich mehrere Jahre später auf dem Balkon einer anderen Wohnung. Nur waren es gleich zwei fremde Katzen, die meinen Kater nicht fürchteten. Auch hier verteidigte ich das Revier. Während dessen saß mein Dicker auf der Balkonbank und schaute seelenruhig zu. Ich habe ihn zuvor so selbstzufrieden gucken sehen.

schwarz-weiße Katze schläft

Schon wieder ein neues Zuhause?

Obwohl ich mir keinen Tag, ohne mein Pelztier vorstellen konnte, musste ich ab und zu mal etwas anderes sehen. Und das bedeutete auch für meinen vierbeinigen Freund, Koffer packen. Denn während meiner Abwesenheit brachte ich ihn in einem Katzenhotel unter.

Abgesehen von der Autofahrt war das vollkommen unproblematisch. Das wusste ich von dem Probewohnwochenende. Denn der Dicke war immer dort zu Hause, wo er eine Nacht geschlafen hatte.

Zurückgekehrt aus dem Urlaub war meine erste Handlung, mein Sweetybeety im Hotel abzuholen. Wer jetzt meint, dass mir dort ein abgemagertes Tier sehnsüchtig entgegengelaufen wäre, irrt gewaltig.

Wie mir das Personal dort jedes Mal erzählte, war mein Dicker als erster beim Futternapf, um es sich gut gehen zu lassen. Für ihn gab es deshalb keinen Grund, diesen netten Ort wieder zu verlassen.

Kaum, dass er mich sah, suchte er sich das oberste Wandbrett und machte es sich dort bequem. Kein rufen, locken und Leckerlitütengeraschel hätten ihn dazu bewegt, seine Empore zu verlassen. Dank einer Trittleiter konnten wir ihn schließlich in die Transportbox verfrachten.

Zu Hause angekommen wurde erst der obligatorische Rundgang gemacht. War dieser beendet, lief er ununterbrochen hinter mir her und trillerte in den schönsten Tönen. Ja, richtig gelesen, er trillerte. Denn das Schnurren war so schnell, dass es sich überschlug. Das habe ich so nur am Tag der Heimkehr erlebt.

Auch die erste gemeinsame Nacht unterschied sich von allen anderen. Denn in dieser Nacht kroch er unter die Bettdecke, drückte sich ganz fest an mich und schnurrte, sobald ich wach war.

Der Lauf des Lebens

Und irgendwann kam dann der Tag, der das Ende einer langen, innigen Beziehung sein sollte. Und wie immer kam dieser Tag viel zu früh.

Ein Bolide aus der Nachbarschaft hatte ihm so zugesetzt, dass der Besuch bei einen Tierarzt unumgänglich war. Mit einer Spritze sollte alles wieder gut werden. Doch dem war nicht so. Die Wunde an der Pfote wollte einfach nicht heilen. Auch das Bett sollte mir wieder allein gehören.

Der Tierarzt musste erneut konsultiert werden. Es war nichts mehr zu machen. Leider. Schweren Herzens musste ich ihn vor zehn Jahren gehen lassen.

Einen Nachfolger hat es nie gegeben.

In meiner Erinnerung und meinem Herzen lebt mein Kittycat weiter.

Frau Inga

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*) Chatage: Abwandlung von Hommage; Chat = französisch für Katze

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