Wider das Vergessen – 685 Stolpersteine in Bremen

Stolpersteine vor der Stephaniekirche. Darauf lieben zwei rote Rosen.

Am 9. November 1938 wurden geplante Anschläge gegen Juden ausgeführt. In Gedenken an jene Menschen, die Opfer nationalsozialistischer Gewalttaten wurden, habe ich heute an einem Rundgang zu den Stolpersteinen im Bremer Stephaniviertel teilgenommen.

Von den eingeschlagenen Scheiben jüdischer Geschäfte habe ich in der Schule gehört. Im Unterricht wurde von der „Reichskristallnacht“ gesprochen. Das hörte sich gar nicht so grausam an, wie es tatsächlich war – grausam ist hier allerdings das falsche Wort. Es war barbarisch und würdelos. Nachbarn wurden wegen ihres Glaubens, ihrer politischen Gesinnung oder ihrer Lebensweise systematisch verfolgt, enteignet und ermordet.

Im Laufe der Jahrzehnte haben diese Menschen für mich Gesichter bekommen. Nicht zuletzt auch durch die Stolpersteine, die von Gunter Demnig verlegt wurden. Bis heute wurden vor jedem Haus, in dem einmal Opfer der NS-Gewaltherrschaft gelebt haben, mehr als 70.000 kleine Messingtafeln in das Straßenpflaster integriert. Damit wird an die Deportierten, Gefolterten und Vergasten erinnert.

Stolpersteine im Stephaniviertel

In Bremen wurden bis heute 685 Stolpersteine verlegt. Davon erinnern im Stephaniviertel 33 Steine an die vielen Verfolgten. Die meisten davon waren Juden. Jeder Stolperstein steht für ein Schicksal, das für die Unrechtsherrschaft der Nazis Zeugnis ablegt. Alle sind gleichermaßen schlimm. Trotzdem möchte ich die Stolpersteine, die an Ernst Moritz, Johanna und Rachel Abraham erinnern, als Beispiel hervorheben. Denn diese drei Stolpersteine liegen direkt vor dem Seitenportal der Stephanikirche.

Ernst Moritz und Johanna waren zum Christentum konvertierte Juden. Ernst Moritz wurde 1910 getauft, Johanna trat 1928 zum Christentum über. 1940 heirateten sie und wurden Mitglieder der Strephanigemeinde. Dennoch galten sie aufgrund der Nürnberger Gesetze von 1935 als Juden. Nach dem Motto „Einmal Jude, immer Jude“ war deren Schicksal damit besiegelt …

Vor der Deportation nach Minsk gab es in der Stephanikirche am 2. November 1941 einen Abschiedsgottesdienst für „die jüdischen Brüder und Schwestern“. Es gab einen herzlichen Abschied. Auch die Kollekte war für sie bestimmt. Diese mitfühlende Geste genügte bereits, damit Mitglieder der Gemeinde von der Gestapo verhaftet und verhört wurden.

Ein perfides Beispiel für die unmenschliche Willkür der Nazis. Es zeugt aber auch von der antichristlichen Weltanschauung des Nationalsozialismus, unter der die Kirchen zunehmend zu leiden hatten.

NIE wieder!

Erinnerungen sind wichtig, damit das Unvorstellbare nicht vergessen wird. Die Gräueltaten der NS-Zeit dürfen sich unter gar keinen Umständen wiederholen. Und doch geschieht es bereits. Hier und heute. In meiner Nachbarschaft.

Menschen sind in größter Not nach Deutschland geflüchtet. Vor Krieg, Zerstörung, Gewalt. Viele von ihnen haben wirklich Schlimmes ertragen müssen, bevor sie ihre Heimat verlassen haben. Diese Menschen brauchen und verdienen unser Mitgefühl und unsere Nächstenliebe.

Letzten Endes unterscheiden Sie sich nicht von mir oder dir. Sie wollen genau das, was ich auch möchte: essen, trinken, schlafen, Sicherheit und Liebe. Trotzdem erlebe ich, wie diese Menschen angefeindet, bedroht und angegriffen werden.

Aus der Geschichte nichts gelernt?

Wann werden denn wieder Scheiben eingeschlagen, Menschen in Lager verfrachtet und ermordet?

Fremdenfeindliche Übergriffe wie in

  • Solingen (Brandstiftung, 1993),
  • Lübeck (Brandstiftung, 1996),
  • Essen (Brandstiftung, 1997),
  • Düsseldorf (Rohrbombe, 2000),
  • Köln (Nagelbombe, 2004),
  • Wallerstein (Flüchtlingsheim, Brandstiftung, 2015),
  • Altenburg (Flüchtlingsheim, Brandstiftung, 2015),
  • München (Amok, 2016),
  • Döbeln (Syrische Großfamilie, 2016)

sind nur ein Anfang und gleichzeitig Warnzeichen dafür, dass sich die Geschichte eben doch wiederholt.

Und genau deshalb habe ich heute an diesem Rundgang zu den Stolpersteinen teilgenommen: um nicht zu vergessen. Denn sonst hätte Paul Celan recht, wenn wer sagt, dass der Tod ein „Meister aus Deutschland“ ist.

Mit diesem Beitrag möchte ich daran erinnern, dass es nicht darauf ankommt, welche Sprache wir sprechen oder welche Kultur uns geprägt hat. Alle Menschen haben dieselben Grundbedürfnisse. Wenn wir uns darauf konzentrieren, dann wird ein Lächeln zur Brücke von Mensch zu Mensch und Krieg unmöglich.

Herzlichst,
Eure Frau Inga

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