Einkaufen, das kleine Abenteuer im Alltag

zwei große Gläser mit eingelegten TomatenWas ist eigentlich ein Abenteuer? Das ist wieder so eine Frage, die ich nicht so einfach abhaken kann. Darüber habe ich wirklich lange nachgedacht, ohne zu einer Antwort zu kommen. Wie immer in solchen Fällen ziehe ich den Duden zurate.

Der Duden weiß Rat

Der Duden definiert Abenteuer folgendermaßen:

  1. mit einem außergewöhnlichen, erregenden Geschehen verbundene gefahrvolle Situation, die jemand zu bestehen hat
  2. außergewöhnliches, erregendes Erlebnis
  3. (auch abwertend) riskantes Unternehmen
  4. Liebesabenteuer

1. Ein außergewöhnlich, erregendes Geschehen

Das erlebe ich eigentlich immer, wenn ich meine Bücherhelden begleite. Jetzt muss man wissen, dass ich ein Buch nicht einfach so lese. Nein, ganz und gar nicht! Ich lebe in dieser Geschichte und sehe alles plastisch vor mir. Jeden Schmerz erlebe ich genauso tief, wie mein Bücherheld. Ich halte stockend den Atem an, wenn es gefährlich wird.

So erinnere ich mich noch nach Jahren gut daran, als Aidan Walsh sich lebendig beerdigen ließ, um auf seine erdrückende Situation als Arbeitsloser aufmerksam zu machen. Man stelle sich das mal vor, da liegt ein lebendiger Mensch einen Meter tief unter der Erde, und zwar mit voller Absicht. Gut, er ist über ein „Versorgungsrohr“ mit der Außenwelt verbunden, kann aber nichts dagegen tun, wenn etwas Unabwendbares geschieht. Puh, ich habe gelitten und Tränen gelacht. Denn irgendwie war das auch komisch.

Auch als ich mit Pi Patel auf einem Rettungsboot war, ging es stürmisch zu. Alles halb so wild, wären wir alleine gewesen. Doch wir mussten uns das Boot mit einem verletzten Zebra, einem Gorilla, einer Hyäne und einem Tiger teilen. Welche Szenen sich da abspielen, kann man sich vielleicht vorstellen. Doch erst wenn man mit dem ganzen Gefühl dabei ist, wird diese Geschichte zu einem Leseabenteuer.

Russische Abreisskalender

2. außergewöhnliches, erregendes Erlebnis

Seien wir doch mal ehrlich, wir haben unsere tägliche Routine, die schon mit dem Aufstehen beginnt. Alles ist vertraut, jede Tätigkeit wiederholt sich Tag für Tag, Jahr ein, Jahr aus. Das gibt uns Sicherheit. Ein rudimentäres Gefühl, aus dem wir Kraft schöpfen, um die Herausforderungen des Alltags zu bestehen.

Bei mir ist das nicht anders: Aufstehen, duschen, anziehen, Zähneputzen, Teetrinken, Frühstücken, einkaufen, Teetrinken, Kuchen essen, kochen, Abendessen, Fernsehgucken, häkeln, ins Bett gehen und noch ein paar Seiten lesen. Wenn ich das so lese, muss ich gleich wieder gähnen.

Das, was jeden Tag interessant und anders werden lässt, sind die Dinge, die zwischen den Alltagshandlungen passieren. Damit auch dies nicht eintönig wird, gönne ich mir immer mal wieder ein außergewöhnliches, erregendes Erlebnis. An solchen Tagen gehe ich einkaufen. Oh, wie langweilig, werden jetzt einige denken. Aber das ist es ganz und gar nicht. Denn ich mache Abenteuer-Einkaufen.

einlegte Tomaten in Hülle und FülleAnleitung für ein kleines Abenteuer im Alltag

Hä? Abenteuer-Einkaufen, was soll denn das sein, höre ich jetzt so manchen Leser fragen. Nun, das ist ganz einfach, wenn ein paar Bedingungen erfüllt sind:

  1. ein halber Tag zur freien Verfügung
  2. der Kühlschrank ist voll
  3. es gibt nichts, das einkauft werden muss, trotzdem ist die Bereitschaft vorhanden, eine Kleinigkeit zu kaufen (ganz wichtig!)
  4. eine gute Portion Neugierde

Sind alle Bedingungen erfüllt, mache ich Schröder startklar. Gemeinsam fahren wir in einen Bremer Stadtteil, den ich nicht gut kenne. Blockdiek, Tenever oder Blumenthal zum Beispiel. Selbstverständlich habe ich dann weder Stadtplan noch GPS bei mir. Denn das würde das Erlebnis schmälern, weil schon der Weg an sich ein Abenteuer werden soll.

Bonbon aus aller Herren Länder

Das Unbekannte in der eigenen Stadt entdecken

Am Zielort angekommen, begebe ich mich auf die Suche nach einen Supermarkt, der nicht zu den großen Handelsketten gehört. Denn die sind immer gleich strukturiert. Das kann zwar auch spannend sein, schmälert aber das Unterfangen. Habe ich dann einen solchen Markt gefunden, beginnt das Abenteuer schon beim Betreten.

Die Einkaufswagen sind von einem anderen Hersteller. Manchmal größer, manchmal kleiner als die gewohnten. Manchmal aus Kunststoff, manchmal als Metall. Auch die Vorrichtung zum Einstecken des Chips fehlt meistens. Doch das ist nur eine Nebensächlichkeit. Denn ich will ja gar nichts einkaufen, sondern etwas erleben.

Und so schlendere ich an Regalen vorbei und betrachte all die Produkte, die mir vollkommen fremd sind. In Supermärkten, die Waren aus dem osteuropäischen Raum bereit halten, beeindrucken mich immer die Regale, die mit Sauereingelegtem gefüllt sind. Kaum etwas davon erinnert mich an die kleinen Gläser mit Gewürzgurken, die ich sonst kenne. Die Gläser sind nicht nur um ein Vielfaches größer, sondern haben auch andere Zutaten: Tomaten, Paprika, Auberginen, Zwiebeln – im ganzen Stück, wohl gemerkt.

Knabbereien mit russischer Beschriftung

Alles neu, doch irgendwie bekannt

Nicht zu vergessen die Etiketten. Fremde Worte und Schriftzeichen blicken mir von Blechdosen, Pappschachteln und Tüten entgegen. Anhand der Abbildung kann ich den Inhalt meistens identifizieren, aber wirklich sicher bin ich mir trotzdem nicht. Ist es in asiatischen Supermärkten üblich, dass es auch eine deutsche Etikettierung gibt, fehlt diese hier manchmal.

Und so lasse ich mich von Regalwand zu Regalwand treiben. Immer gespannt darauf, was ich als Nächstes entdecken werde. Im Obst- und Gemüsebereich sind die Sorten vielfältiger und die aufgeschütteten Mengen größer. Im Kühlregal sehe ich in Lake eingelegten Käse in verschiedenen Sorten. (Über die Unterschiede wurde ich bei einem meiner Abenteuer-Einkaufen-Ausflüge aufgeklärt, weil gerade eine Käseverkostung stattfand.)

Auch die anderen Kunden sind Bestandteil meines Abenteuers. Da werden fremde Sprachen gesprochen, die ich nicht verstehe. Ich gebe mich dem Klang hin und lausche einfach nur der Sprachmelodie. Spreche ich mal jemanden an, weil ich etwas wissen möchte, ist die Verständigung nicht immer einfach. Mit Gestik und Mimik, aber vor allem mit einem Lächeln bekomme ich schließlich eine Antwort.

Den von mir ausgewählten Laden verlasse ich nie, ohne eine Kleinigkeit zu kaufen. Dabei ist es absolute Bedingung, dass ich das deutsche Label mit den Zutaten ignoriere. Sinn der Sache ist es, das Ende meines Abenteuer-Einkaufs hinauszuzögern. Denn erst zu Hause, wenn ich das Gekaufte probiere, weiß ich wirklich, was ich da erstanden habe. Meistens ist das etwas aus dem Gebäck- oder Teeregal. Schmeckt es mir, fahre ich wieder einmal dort hin. Ist es anders herum, habe ich eine Erfahrung gemacht. So wie es bei einem Abenteuer sein soll.

aufwendig verzierte Torten im Kühlregal

3. (auch abwertend) riskantes Unternehmen

Im Grunde ist das Leben an sich schon ein riskantes Unternehmen. Denn keiner von uns kommt lebend da raus. So viel ist mal klar. Die Frage ist nur, wie tollkühn die eigene Lebenszeit verbracht wird. Wer partout mit nur einem Gummiband an den Füßen in die Tiefe springt, ist sich des Risikos wohl bewusst. Denn das Band könnte reißen. An der Börse zu spekulieren kann genauso waghalsig sein, zumindest für denjenigen, der davon keine Ahnung hat.

4. Liebesabenteuer

Ich will es mal so sagen, auf Liebesabenteuer kann wohl jeder getrost verzichten. Meistens bleiben davon Narben auf der Seele zurück. Sie aber nicht erlebt zu haben, würde die persönlichen Erinnerungen ärmer machen.

Ist Abenteuer erleben heute noch möglich?

Mit dieser Frage rief Torsten Berg vor einiger Zeit zu einer Blogparade auf. Lange habe ich über eine Antwort nachgedacht. Gefunden habe ich Möglichkeiten, Abenteuer im Alltag zu erleben. Eine Antwort, die mit Ja oder nein zu beantworten ist, bleibe ich schuldig.

Der Einkauf in einem fremdartigen Supermarkt kann ein Abenteuer sein. Für mich ist das so, auch wenn es mein Leben nicht nachhaltig verändert. Jemand anderes wird das nicht nachvollziehen können. Es kommt eben auf die Perspektive an.

Doch egal, was man tut, das Leben ist bunt und will mit all seinen Facetten erlebt werden. Um diese einmalige Chance zu nutzen, ist es manchmal notwendig, den Blick auf die Dinge zu verändern und die eigenen Grenzen zu verändern.

Ein facettenreiches Leben wünscht
Eure
Frau Inga

Update

Nachdem ich diesen Artikel geschrieben hatte, brauchte ich noch dazu passende Fotos. Also, nichts wie in die Vahr zum Mix-Markt. Mit der Kamera vor dem Bauch bin ich durch den Markt gelaufen und habe die Eindrücke in mich aufgesogen.

Und, wie zuvor beschrieben, habe ich auch etwas gekauft. Und zwar eine Flasche Rotwein aus Moldawien. Vermutlich extrem süß, aber das Etikett hat mir gefallen. Lady like, wie ein mir bekannter Herr sagen würde …

Der Verlockung, von den losen Bonbons nach Herzenslust auszuwählen, konnte ich mich nicht entziehen. Zwar stand unterhalb eines jeden Behälters eine deutsche Bezeichnung, aber was heißt das schon? Ich weiß nämlich nicht wie Karamell mit Berberitzengeschmack schmeckt, geschweige denn, ob ich das überhaupt mag. Und so habe ich mir nach Optik welche ausgesucht. Auch hier befürchte ich, dass sie mir zu süß sind. Aber sei’s drum, das gehört zum Abenteuer-Einkaufen.

Den Assamtee hätte ich auch anderswo kaufen können, aber auch hier war ich wieder Lady like. Wobei der Dosenboden durchaus sehenswert ist.Boden der Teedose

4 Gedanken zu „Einkaufen, das kleine Abenteuer im Alltag

  1. »Der Einkauf in einem fremdartigen Supermarkt kann ein Abenteuer sein.«

    Wohl wahr. Im Frankreich-Urlaub ohne französisch sprechen zu können (ich hatte das Reiseziel nicht ausgewählt) in eine riesigen Carrefour etwas zu finden war durchaus ein Abenteuer. Hatte Gewürze für ein Chili con Carne gesucht. Hatte am Ende »irgendwas Scharfes wo auch Chili mit draufsteht« als Gewürzmischung. War aber wohl etwas anderes. Geschmacklich also dann beim Abendessen ebenfalls ein Abenteuer. 😀

    Da sind mir türkische Supermärkte in Deutschland lieber. Die bieten zwar auch ein fast unüberschaubares Angebot an Gewürzen an (teilweise in 5 kg Gebinden), aber man kann noch erkennen/lesen was man so kauft. 😀

    • Hallo X_Fish,

      vielen Dank für deinen Erlebnisbericht. Ein Teil meiner Seele fühlt mit dir, ein anderer Teil beneidet dich auch ein wenig um dieses Abenteuer.

      In den französischen Hypermarchés faszinieren mich immer die Kühlregale mit einer unglaublichen Auswahl an Milchprodukten am meisten. Da habe ich schon stundenlang rumgetrieben (war aber kein Abenteuer-Einkaufen, weil ich französisch spreche)

      Herzlichst
      Frau Inga

  2. Danke Inga für deinen Beitrag! Schön, wie du dein Abenteuereinkaufen betreibst. So kann man selbst in der eigenen Stadt tatsächlich noch etwas erleben. Mir geht es beim Einkaufen im Ausland auch immer so 🙂

    Beste Grüsse

    Torsten

    • Hallo, Torsten,

      wenn du die „richtigen“ Supermärkte in Bremen besuchst, dann tauchst du in eine andere Kultur ein. Das ist fast genauso, wie einkaufen in einem anderen Land. Dort wie hier ist das ein Abenteuer 😉

      Herzlichst
      Frau Inga

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